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Entspannung – worauf es ankommt

Wie entspannen die Menschen am liebsten? Und wie gelingt eine gute Entspannung? Damit beschäftigt sich Prof. Dr. med. Curt Diehm in seinem heutigen Gastbeitrag.
Es sind ganz unterschiedliche Dinge, die Menschen helfen, den nötigen Abstand von Alltag und Stress zu gewinnen. Ein Spaziergang, Joggen, einen guten Film ansehen, mit den Kindern spielen, die Palette ist lang und individuell sehr verschieden.

So entspannen die Menschen

Forscher der britischen Durnham University gingen kürzlich der Frage systematisch nach und befragten 18.000 Menschen in 134 Ländern nach ihrer idealen Form der Entspannung. Die Ergebnisse dieser „Rest Test“ genannten Studie erstaunen. Den höchsten Wert über alle Kulturen hinweg erzielte das „Lesen“ mit über 60 Prozent Zustimmung auf die Frage nach der „erholsamsten Aktivität“. Auf Rang 2 folgt „in der Natur sein“ vor „Zeit für sich haben“. „Musik hören“ und „spazieren gehen“ gehören ebenfalls zu den Top 5 der beliebtesten Entspannungsaktivitäten.

Auffällig ist, dass bei nahezu allen 15 am meisten genannten Aktivitäten der Aspekt des sich Zurückziehens und alleine Seins von großer Bedeutung ist. Es sind die vielen Personen, die man in der Arbeit oder im Privaten ständig um sich hat, die dem modernen Menschen ganz offensichtlich zu schaffen machen und ihn nicht zur Ruhe kommen lassen. Die erholsame Pause, die man mit sich selbst verbringt, scheint also am wirkungsvollsten zu sein, um Stress abzubauen.

Eine weitere Erkenntnis der Rest Test-Studie ist, dass die meisten Befragten ein großes Bedürfnis nach mehr Entspannung besitzen. So sagen über zwei Drittel, dass ihr Bedarf an Entspannung nicht gedeckt sei. Der heutige Mensch hat laut Studie lediglich drei Stunden Zeit zur Verfügung, um sich zu erholen. Auch aus medizinischer Sicht ist dies zu wenig. Die großen Probleme unsere Gesellschaft mit der schlechten Schlafqualität vielen Menschen hat auch eine Ursache in der Ruhelosigkeit. Wer nicht abschaltet, schläft auch schlechter.

Stress kann auch positiv sein

Allerdings wäre es aus meiner Sicht auch falsch, Stress grundsätzlich als Übel darzustellen. Menschen brauchen Stress, um ihren Aufgaben nachzukommen. Das war schon in der Steinzeit so. Nur: in der vormodernen Zeit stellte sich das Verhältnis zwischen Anspannung und Entspannung anders dar. Im Gegensatz zu unseren Vorfahren fühlen sich heute viele Menschen gehetzt und schaffen es nicht mehr, sich ausreichend zu regenerieren. Die Folge ist eine allgemeine Unzufriedenheit mit seinem Wohlbefinden, oder wie es heute heißt, mit der Work-Life Balance.

Der Tag ist zu kurz

Die Rest Test-Studie gibt auch Auskunft, wie viele Stunden Muße am Tag optimal wären. Demnach fühlen sich jene Menschen am wohlsten, die fünf bis sechs Stunden Ruhe am Tag einlegen. Bei weniger Pausen sinkt das Wohlbefinden rapide, aber auch mehr Stunden der Entspannung befriedigen die Befragten statistisch nicht. Das heißt, auch längerfristiges Nichtstun macht die Menschen nicht wirklich glücklicher. Der richtige Mix aus Aktivitäten und Rückzug macht es aus.

Das Problem: Wer heute im Berufsalltag steht und gleichzeitig ein aktives Privat- und Familienleben führen will, schafft es nur selten, die erstrebenswerten fünf bis sechs Stunden täglich für Lesen, Natur genießen oder sich Zurückziehen aufzubringen. Der Tag ist einfach zu kurz.

Auch die Autoren der Studie sehen dieses Dilemma. Es kommt hinzu, dass Pausen zumindest in den westlichen Gesellschaften mit einem Malus versehen sind. Wer sich aus Sicht des Umfeldes zu häufig zurück zieht, gilt schnell als faul oder unsozial. Vermutlich müssen wir an diesen Vorurteilen arbeiten, um wieder eine bessere Balance zwischen Stress und Erholung zu finden.

Zum Autor

Prof. Dr. med. Curt Diehm zählt zu den führenden Medizinern im Südwesten Deutschlands, er ist Autor zahlreicher Fach- und Patientenbücher und langjähriger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gefäßmedizin. Seit Mitte 2014 leitet er als Ärztlicher Direktor die renommierte Max Grundig Klinik in Bühl. Alle Beiträge dieser Serie zum Nachlesen unter www.max-grundig-klinik.de.

Hier finden Sie alle Beiträge der Serie Gesund mit Diehm
Dieser Beitrag stammt von Nils und dem GesünderNet-Team
 

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