Interview mit Wirbelsäulenexperten Dr.Alfen Dr. Alfen

Interview mit Wirbelsäulenexperten Dr.Alfen

Wir sprachen mit Wirbelsäulenexperten Dr. med. Florian Alfen über Rückenbeschwerden und was man gegen diese vorsorglich bzw. zur Therapie tun kann. Dabei beleuchteten wir vor allem das Thema Wirbelsäulen-Operationen und welche Möglichkeiten es hier gibt möglichst schonend an der Wirbelsäule chirurgisch einzugreifen.

GesünderNet: Ist es sinnvoll, bei Rückenschmerzen sofort einen Arzt aufzusuchen?

Dr. Alfen: Von Rückenschmerzen sind sehr viele Menschen betroffen, aber nicht jeder muss sofort zum Arzt. Bei stärkeren Schmerzen im Rücken, Lähmungen in Armen oder Beinen, Blasen- und Darmstörungen muss auf jeden Fall ein Arzt aufgesucht werden.

GesünderNet: Oftmals klebt man sich Wärmepflaster an die schmerzende Stelle oder wirft ein paar Schmerztabletten ein, ist das die richtige Handhabung?

Dr. Alfen: Das ist zunächst durchaus sinnvoll, bei länger anhaltenden Schmerzen oder Schmerzen, die in die Arme oder Beine ausstrahlen, ist der Gang zum Arzt angeraten.

GesünderNet: Was ist denn besonders effizient bei Rückenschmerzen?

Dr. Alfen: Besonders effizient ist die Medizinische Trainingstherapie. Bei dieser Therapie wird, im Gegensatz zu Krankengymnastik, Massagen, der manuellen Therapie oder der medikamentösen Schmerzbehandlung, das Grundproblem gelöst. Dieses liegt häufig in einer sich zurückbildenden, autochthonen (tieferliegenden) Rückenmuskulatur. Der Aufbau dieser autochthonen Muskeln kann nur mit speziellen, computergesteuerten Therapiemaschinen für die Wirbelsäule erfolgen. Nach dieser Therapie sind die meisten Patienten schmerzfrei.

banscheibenGesünderNet: Wie entsteht ein Bandscheibenvorfall?

Dr. Alfen: Zu 95 Prozent entsteht er durch den schmerzbedingten Abbau der autochthonen Rückenmuskulatur (ortsständige Rückenmuskulatur). Durch die fehlende Stützfunktion der tiefen Wirbelsäulenmuskulatur weicht der Bandscheibenkern bei einseitigen Belastungen (Heben) dem erhöhten Druck aus (Bild 1). Besonders oft geschieht dies in Verbindung mit Rotationsbewegungen. Der defekte äußere Faserring kann den sehr wasserhaltigen Gallertkern nicht mehr in seiner zentralen Lage halten und wird nach außen gepresst (Bild 2), meist in Richtung Rückenmarkskanal und Nervenwurzeln. Das Bandscheibengewebe beengt nun den Raum im Wirbelkanal oder an den seitlichen Austrittstellen der Nervenwurzeln. Dadurch entsteht Druck auf das Rückenmark bzw. die Nervenwurzeln. Je nach Größe des Bandscheibenvorfalls ist der betroffene Spinalnerv in seinem Verlauf schmerzhaft.
Und: je größer der Bandscheibenvorfall, desto mehr nimmt die Schmerzausstrahlung zunächst in den Rücken, dann in Gesäß sowie in Beine und Füße, oder ein Bein zu.

GesünderNet: Wann sollte ein Bandscheibenvorfall operiert werden?

Dr. Alfen: Es gibt drei Indikationen: intolerable Schmerzen über 3 Monate, motorische Lähmungserscheinung in den Armen oder Beinen sowie Blasen- und Darmstörungen. Bei Letzteren muss der Bandscheibenvorfall innerhalb von 8-12 Std. operiert werden. Missempfindungsstörungen oder Taubheitsgefühle sind keine unbedingte OP-Indikation. In einer eigenen Studie konnten wir nachweisen, dass mittels der Medizinischen Trainingstherapie in 86 Prozent der Fälle Patienten nicht operiert werden mussten, d.h. es gilt im Vorfeld, zuallererst die Möglichkeit der Genesung durch konservative Therapien zu überprüfen.

GesünderNet: Es gibt verschiedene Techniken, wie man eine OP an der Wirbelsäule durchführt. Welche sind es?

Dr. Alfen: Es gibt im Grunde drei Operationsformen: Die Minimal-invasive OP-Methodik, die TES-Methodik (Transforaminalen Endoskopischen Operation) und die Offene Operation an der Wirbelsäule.

GesünderNet: Worin besteht der Unterschied zwischen minimal-invasiven OP-Methoden und der TES-Methodik?

Dr. Alfen: Minimal-invasiv sind heute alle OP-Verfahren, die offen an der Bandscheibe stattfinden - quasi mikrochirurgisch. Ausgenommen hiervon sind Versteifungen und Verschraubungen.

3_bandscheibe_endoskopDie TES-Methodik ist das schonendste OP-Verfahren. Hier wird der Bandscheibenvorfall durch die natürliche Wirbelkörperöffnung, das Nervenloch (Schlüsselloch) entfernt, d.h. im Gegensatz zu allen anderen Methoden müssen keine Knochen und keine Muskeln durchtrennt werden, und es entstehen deshalb auch keine Narben.

GesünderNet: Wie lange dauert bei einer OP der Heilungsprozess?

Dr. Alfen: Bei der von mir angewandten Methode, der Transforaminalen Endoskopischen Operation (TES), ist der Patient sehr schnell wieder gesund, meist 3 bis 4 Wochen nach der Operation. Nach Einsatz der TES-Methodik kann der Patient bereits 3 Stunden nach der OP wieder aufstehen und sich normal bewegen. Eine stationäre REHA ist nicht notwendig.

Bei den anderen OP-Methoden haben wir eine postoperative Verweildauer im Krankenhaus von 3-6 Tagen. Nach weiteren zwei Wochen verbringen die Patienten nochmals 2-4 Wochen im Reha-Klinik.

GesünderNet: Wie sieht die Behandlung nach einer OP aus?

Dr. Alfen: Wir führen in unserer Praxis 6 Wochen nach der OP 12 Einheiten Medizinische Trainingstherapie durch. So werden die autochthonen Rückenmuskeln gekräftigt und die Wirbelsäule prophylaktisch stabilisiert. Dadurch wird die Rezidivrate (Wiederauftreten eines Vorfalls) fast auf null reduziert und der Patient auf Dauer schmerzfrei.

GesünderNet: Werden die Behandlungen von der Krankenkasse übernommen?

Dr. Alfen: Bei Privatpatienten ja, in anderen Fällen muss im Einzelfall überprüft werden, welche Leistungen die Kassen übernehmen. In unserer Praxis haben wir jedoch auch einige Selbstzahler, die auf eine optimale Versorgung nicht verzichten wollen.

 

Unser Experte: Dr. med. Florian Maria Alfen, Würzburg

dr alfen

Facharzt für Orthopädie, Sportmedizin, Chirotherapie

Endoskopische Wirbelsäulenchirurgie

 

Bildquelle: Alle Bilder Dr. Alfen

 

Dieser Beitrag stammt von Nils und dem GesünderNet-Team