Narzissmus – „Beachte mich!“ www.thinkstock.de

Narzissmus – „Beachte mich!“

Auch wenn uns das Wort „Narzisst“ im Alltag geläufig ist, können die wenigsten etwas mit der Erkrankung anfangen. Der Drang nach Anerkennung und Aufmerksamkeit wohnen dem Menschen seit je her inne, aber wie stark darf ein solches Bedürfnis sein? Wo ist die Grenze zwischen gesundem und krankhaftem Narzissmus zu ziehen. Wir klären Euch darüber auf, was Narzissmus ist.

„Rund sechs Prozent der Bevölkerung erkranken im Verlauf ihres Lebens an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung“, erklärt Dr. Nikolaus Melcop, Präsident der Psychotherapeutenkammer Bayern. Davon sind Männer mit 7,7 Prozent eher betroffen als Frauen (4,8 Prozent). 65 Prozent der Betroffenen leiden zusätzlich an affektiven Störungen (Veränderung der Stimmlage), Depressionen oder Angststörungen.

Narzissmus ist eine Eigenschaft, die nicht unbedingt krankhaft sein muss. Im Alltagsverständnis wird Narzissmus mit Egoismus, Arroganz und einer ausgeprägten Selbstsüchtigkeit in Verbindung gebracht. In extremer Form hingegen kann Narzissmus zu ernsthaften zwischenmenschlichen Problemen und extremen Konflikten in den Bereichen Arbeit, Beziehung und Partnerschaft führen. Man spricht dann von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Als narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS) wird, laut Medizinlexikon, eine andauernde und grundlegende Störung des Selbstwertgefühls bezeichnet. Das eigene Selbst wird dabei oft innerlich abgelehnt, während sich der Narzisst nach außen übertrieben selbstverliebt präsentiert. Der Patient ist süchtig nach Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Soziokulturelle Einflüsse fördern bestimmte Verhaltensweisen

Narzisstische Störungen sind durch Selbstüberschätzung, großspuriges Auftreten, mangelndes Einfühlungsvermögen und das systematische Ausnutzen zwischenmenschlicher Beziehungen gekennzeichnet. Der Glaube an die eigene Besonderheit, hohe Ansprüche und das Verlangen nach Bewunderung sind weitere Merkmale. Dem stehen innere Leere, Überempfindlichkeit gegenüber Kritik und ein geringes Selbstwertgefühl gegenüber, welches die Patienten durch ihr dominantes Verhalten zu übertünchen suchen.

Nach Expertenmeinung ist die aktuelle Struktur der Gesellschaft ein Nährboden für narzisstische Verhaltensweisen - wer Erfolg haben will, braucht gewisse narzisstische Eigenschaften. Schon ein zu hoher Erwartungsdruck an Kinder und Jugendliche bei mangelnder emotionaler Unterstützung kann ein Grund für das später übertriebene, egozentrierte Verhalten sein. Aber auch die hohe Erfolgsorientierung in der Arbeitswelt trägt zu narzisstischem Denken bei - vor allem die Anforderungen an Führungskräfte ähneln oft jenen Kriterien, die einen Narzissten ausmachen: von sich selbst überzeugt sein.

In sozialen Internetplattformen finden Narzissten eine optimale Umgebung zur positiven Selbstdarstellung. Wissenschaftler der Western Illinois University haben in einer Untersuchung an Studenten nachgewiesen, dass Menschen mit starken narzisstischen Neigungen mehr Freunde bei Facebook haben, sich öfter selbst markieren, viel posten, häufiger ihr Profilbild ändern und ungehaltener auf negative Aussagen reagieren. Diese Menschen brauchen Bestätigung zur Aufwertung des Selbstwertgefühls, während ein Mensch mit gesundem Maß an Narzissmus sich über Lob lediglich freut.

So treten Narzissten in der Öffentlichkeit auf

Narzissten schaffen es fast immer, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen. Sie sind sehr kontaktfreudig und werden von den anderen in einer Gruppe oft als natürliche Anführer wahrgenommen und auch akzeptiert. Viele Narzissten sind im Beruf erfolgreich, was zum einen mit ihrer Kommunikationsstärke und Offenheit zu tun hat, zum anderen mit ihrer Durchsetzungskraft und Leistungsbereitschaft. Bei krankhaften Narzissten nimmt der zunächst positive Eindruck jedoch kontinuierlich ab. Sie werden dann als unsensibel, wenig verständnisvoll oder sogar feindselig wahrgenommen.

Die negative Seite: Narzissten schreiben sich oft den Erfolg des ganzen Teams zu, betonen ständig ihre Überlegenheit und beuten andere für ihren eigenen Erfolg aus. Sie verhalten sich wenig einfühlsam und scheinen sich vor allem für eines zu interessieren: sich selbst. Viele Narzissten verhalten sich ihren Mitmenschen gegenüber aggressiv und kränkend – die Taktik ist andere abzuwerten, um sich selbst aufzuwerten.

Diese Beschreibungen bedeuten allerdings nicht, dass ein selbstverliebter Mensch, mit großspurigem und selbstbewusstem Auftreten, automatisch krank ist. Erst wenn normale Eigenschaften ein krankhaftes Ausmaß annehmen, ist jemand von der narzisstischen Persönlichkeitsstörung betroffen, wobei das Verhalten der Betroffenen für eine positive Diagnose dauerhaft von der Norm abweichen muss.

Therapie und Behandlung

Patienten, die unter einer NPS leiden, können mit psychotherapeutischen Methoden behandelt werden, sind aber schwer zu therapieren. Allein die Diagnose erfordert eine umfangreiche und detaillierte Untersuchung eines Experten. Ohne ein professionelles Gutachten, welches die Komplexität der Störung erfasst, ist eine Abgrenzung zu gesundem Selbstbewusstsein und Selbstakzeptanz kaum möglich.

Oft wird krankhafter Narzissmus erst nach einem langen Krankheitsweg erkannt und therapiert. Gründe dafür sind der geringe Leidensdruck und die fehlende Krankheitseinsicht der Betroffenen. Die Patienten kommen in der Regel mit einer ganz anderen Diagnose in die Therapie – zum Beispiel mit Depressionen oder nach einem Suizidversuch. Sie leiden unter Einsamkeit, beruflichen Problemen, Arbeitsstörungen oder Beziehungskrisen. Die therapeutische Hilfe erfordert deshalb großes Feingefühl und besondere Methoden.

Ein Narzisst akzeptiert keinen Psychiater, dem er sich unterlegen fühlt. Am Beginn der Therapie steht daher die Beziehung zwischen Patient und Therapeut. Es ist wichtig, dass der Therapeut dem Patienten nicht als allwissender Fachmann begegnet, sondern als gleichberechtigter Mensch, der selbst auch Fehler und Schwächen hat. Erst wenn der Patient die Hilfe akzeptiert, lassen sich ein realistisches Selbstkonzept und eine Verbesserung der Beziehungsfähigkeit erarbeiten. Es gilt die Wahrnehmung anderer Menschen zu fördern und den Umgang mit anderen zu normalisieren. In Rollenspielen lernen narzisstische Personen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und andere Perspektiven zu übernehmen.