Verstrahlt – Wie gefährlich ist radioaktive Strahlung? www.istockphoto.com/jgroup

Verstrahlt – Wie gefährlich ist radioaktive Strahlung?

Kaum ein Wort hallt derzeit öfter durch Deutschland, wie das Wort „radioaktiv“. Allgemein weiß man zwar, dass radioaktive Strahlung gefährlich ist, doch wie sie sich konkret auf den menschlichen Organismus auswirkt und wie man mit ihr umzugehen hat ist oftmals unbekannt. Prof. Dr. Thomas Jung, Leiter der Abteilung Strahlenwirkungen und Strahlenrisiko im Bundesamt für Strahlenschutz, gibt uns Auskunft.

Prof. Dr. Thomas Jung, Weshalb ist radioaktive Strahlung so gefährlich für den Organismus?

Prof. Dr. Thomas Jung: Beim radioaktiven Zerfall wird sogenannte ionisierende Strahlung freigesetzt, zum Teil als Gammastrahlung oder als Teilchenstrahlung (Alpha- oder Betateilchen). Allen Formen der ionisierenden Strahlung ist gemein, dass sie, wenn sie auf einen Menschen trifft, Körperzellen schädigen kann. Ionisierende Strahlung kann bei hohen Strahlenbelastungen zu akuten Strahlenschäden führen. Bei niedrigen Strahlenbelastungen steht das Risiko für eine Krebserkrankung oder Leukämie im Vordergrund. Dabei gilt, dass je höher die Strahlenbelastung ist, desto höher ist auch das Krebsrisiko.

Was passiert denn genau in den Zellen, wenn sie radioaktiver Strahlung ausgesetzt sind?

Prof. Dr. Thomas Jung: Wenn ionisierende Strahlung auf eine Zelle trifft, können in der Zelle Moleküle geschädigt werden. Hier ist von besonderer Bedeutung die Schädigung der Moleküle, die die Erbinformationen der Zelle tragen. Die Zelle verfügt über Reparaturmechanismen. Diese werden nach Strahlenbelastung aktiviert. Schlägt die Reparatur fehl, so kann die Zelle eine Art Selbstmordprogramm einleiten und stirbt. In seltenen Fällen kann es aber auch passieren, dass die Zelle eine Fehlreparatur durchführt, diesen Schaden überlebt und dann an nachfolgende Zellgenerationen weiter gibt. Hieraus kann dann eine Krebs- oder Leukämieerkrankung entstehen.

Welche Folgen gibt es?

Prof. Dr. Thomas Jung: Bei hohen Strahlenbelastungen, wenn viele Zellen eines Organs so geschädigt sind, dass sie absterben, kann das betroffene Organ seine Funktion nicht mehr erfüllen. Dies kann sich dann in akuten Krankheitszeichen wie Blutarmut, Übelkeit und Durchfall zeigen. In extremen Fällen kann diese akute Strahlenkrankheit zum Tod führen. Aber auch unterhalb der Schwelle der akuten Strahlenkrankheit führt eine Strahlenbelastung zu einem Anstieg des Krebs- und Leukämierisikos.

Ist Radioaktivität „ansteckend“?

Prof. Dr. Thomas Jung: Nein, Radioaktivität beschreibt die Eigenschaft eines Stoffes spontan unter Aussendung ionisierender Strahlung zu zerfallen. Dies ist eine physikalische Grundeigenschaft bestimmter Stoffe.

Wurde eine Person strahlenbelastet, so geht von dieser Person keine Gefährdung für helfende oder begleitende Personen aus. Die strahlenbelastete Person selbst strahlt nicht. Etwas anders stellt sich die Situation dar, wenn eine Kontamination mit radioaktiven Stoffen vorliegt. Hier muss diese Person dekontaminiert werden, d.h. äußerlich anhaftende radioaktive Stoffe sind durch Wechseln kontaminierter Kleidung und durch Waschen zu entfernen. Ist dies erfolgt, geht danach auch von  kontaminierten Personen keine Gefährdung aus. Auch von eventuell in den Körper gelangten radioaktiven Stoffen geht keine nennenswerte Gefährdung aus.

Wie stark muss die Strahlung sein, damit sie schädigend wirkt?

Prof. Dr. Thomas Jung: Eine akute Strahlenkrankheit ist ab etwa der hohen Dosis 1 Sievert festzustellen. Andere akute Schädigungen, wie Fehlbildungen bei neugeborenen Kindern können ab 100 Millisievert auftreten.

Der Mensch ist permanent der Strahlenbelastung aus natürlichen Quellen ausgesetzt. Diese sind Strahlung aus dem Boden, aus dem Weltall oder durch natürliche radioaktive Stoffe in Luft und Nahrung. Die Höhe der natürlichen Strahlenbelastung beträgt in Deutschland etwa 2 bis 3 Millisievert pro Jahr und kann in Ausnahmefällen bis zu 10 Millisievert pro Jahr betragen.

Sievert oder Millisievert sind ein Maß für die vom Körper aufgenommene Menge an ionisierende Strahlung die in direktem Zusammenhang mit dem strahlenbedingten Krebs- und Leukämierisiko steht, wobei 1000 Millisievert einem Sievert entsprechen. Bei einer Strahlenbelastung von 100 Millisievert steigt das Risiko, eine Krebs- oder Leukämieerkrankung zu erleiden, um etwa 1 Prozent an.

Ist Radioaktivität kurierbar? Wie sähe eine medizinische Versorgung aus?

Prof. Dr. Thomas Jung: Strahlenbedingte Krebs- oder Leukämieerkrankungen unterscheiden sich nicht von sogenannten spontan entstanden Erkrankungen. Ihre Behandlungsmöglichkeiten sind gleich. Bei der akuten Strahlenkrankheit ist das Ziel der Behandlung, die verbleibende Regenerationsfähigkeit der geschädigten Organe zu stärken. Dies kann erfolgreich gelingen in Fällen der strahlenverursachten Blutarmut oder wenn sich der akute Strahlenschaden auf bestimmte Körperregionen beschränkt.

Der uns bekannteste Reaktorunfall  vor der Fukushima-Katastrophe, war Tschernobyl. Gibt es heute immer noch Nachwirkungen, die Deutschland erreichen? Welche?

Prof. Dr. Thomas Jung: Auch in Deutschland gibt es heute noch Auswirkungen des Reaktorunfalls von Tschernobyl. Insbesondere in den Regionen südlich der Donau und im Bayerischen Wald, die am höchsten von den radioaktiven Niederschlägen von Tschernobyl betroffen waren, sind noch heute Wildtiere und Waldpilze kontaminiert. Insbesondere betroffen sind Wildschweine, von denen etwa jedes zweite erlegte Tier aus diesen Regionen nicht für den menschlichen Konsum geeignet ist und entsorgt werden muss.

Die Gesundheit der Menschen in der Umgebung eines Reaktorunfalls ist für lange Zeit beeinträchtigt. Wie viele Jahre müssten vergehen, bis die Verseuchung komplett abklingt.

In den unmittelbaren Sperrzonen um einen verunglückten Kernreaktor können Menschen über Jahrzehnte hin nicht wohnen. Nur langsam verlagern sich die durch den Fallout eingetragenen radioaktiven Stoffe in tiefere Bodenschichten, so dass sie außerhalb des Wurzelbereichs von Pflanzen liegen. Außerdem klingt die Radioaktivität im Laufe der Zeit durch den radioaktiven Zerfall ab. Entscheidend ist hier das Cäsium-137, das eine Halbwertszeit von etwa 30 Jahren hat. Nach einer Faustregel des Strahlenschutzes geht man davon aus, dass etwa nach zehn Halbwertzeiten der radioaktive Stoff soweit zerfallen ist, dass ihm keine praktische Bedeutung mehr zukommt, bei Cäsium-137 wären dies also etwa 300 Jahre.

Wie sehen Sie die aktuelle Lage in Japan. Wie gefährlich wird das für die Menschen dort und gibt es für Deutschland Grund zur Sorge, dass die Auswirkungen uns erreichen?

Prof. Dr. Thomas Jung: Die Situation um den verunglückten Reaktor in Fukushima ist vergleichbar der Situation unmittelbar nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl. Weite Landstriche um die verunglückten Reaktoren müssen zu Sperrzonen erklärt werden und die Menschen müssen diese Regionen verlassen. Aber radioaktive Stoffe halten sich nicht an genaue Umkreise. Daher muss sorgfältig nachgemessen werden, wo erhöhte Belastungen festgestellt werden. Dann sind entsprechend der Messergebnisse weitere Gebiete zu sperren und andere können wieder freigegeben werden. Dringend ist die ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit nicht-kontaminierten Lebensmitteln und Trinkwasser.

Für Deutschland stellt sich die Situation durch Fukushima grundsätzlich anders dar als nach Tschernobyl. Während nach Tschernobyl die radioaktiven Elemente auf Grund der großen Hitze, die mit der explosionsartigen Freisetzung verbunden war, in große Höhen und über den nördlichen Erdball verteil wurden, erfolgten die Freisetzungen in Fukushima unter Umständen, die nicht zu einem Transport in große atmosphärische Höhen geführt hat. Radioaktive Stoffe aus dem Reaktorunfall von Fukushima sind in der Luft über Europa aber trotzdem dank hochempfindlicher Messinstrumente nachweisbar. Die Menge ist aber so gering, dass von ihnen keine Gesundheitsgefährdung ausgeht. Europa importiert nur sehr geringe Mengen an Lebensmitteln aus Japan. Diese werden seit dem Unfall in Fukushima streng kontrolliert. Daher sind auch von dieser Seite keine Gefährdungen zu erwarten.

Zwar setzt sich die Politik nun verstärkt dafür ein, dass wir von der Atomkraft wegkommen. Dies ist allerdings ein langwieriger Prozess, der Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. D.h., dass es in Deutschland auch jederzeit zu einem Reaktorunglück kommen könnte. Wie sollte man sich im Falle eines Reaktorunfalls verhalten?

Hier sollten unbedingt den Anweisungen der Polizei, der Feuerwehr und anderen Rettungskräften Folge geleistet werden. Es sollten Radio oder Fernsehen eingeschaltet werden, um die neuesten Informationen und Anweisungen der Behörden erfahren zu können. Wichtig ist, wenn eine Freisetzung radioaktiven Iods zu befürchten ist, die Empfehlungen zur Blockade der Schilddrüse mit kaltem Iod zu beachten. Kaltes Iod in ausreichender Dosierung wird von den Katastrophenschutzbehörden bei Reaktorunfällen für die Bevölkerung bereitgestellt werden. Auch ist darauf zu achten, dass keine kontaminierten Lebensmittel mehr konsumiert werden. Hier sollte auf selbst angebautes Gemüse und dergleichen verzichtet werden.

Gibt es Vorkehrungen, die man z.B. als jemand der in der Nähe eines Atomkraftwerks wohnt, treffen kann?

Prof. Dr. Thomas Jung: Vorkehrungen die man treffen kann sind die allgemeinen Vorkehrungen für einen Katastrophenfall. Es sollten möglichst ausreichend lagerfähige Lebensmittel und Getränke bevorratet werden, um ein Verbleiben im Gebäude bis zu 7 Tagen zu ermöglichen. Eventuell wurde im engen Umkreis um Kernkraftwerke bereits Iod Tabletten an die Bevölkerung verteilt. Ein netzunabhängiges Radio sollte verfügbar sein, um Informationen und Anweisungen der Katastrophenschutzbehörden empfangen zu können.

 

Und wie sich Radioaktivität auf unsere Ernährung auswirkt erfahrt Ihr in unserem Artikel "Radioaktive Strahlung in der Nahrung – Ist unser Essen gefährdet?" auf www.worldsoffood.de.

Dieser Beitrag stammt von Nils und dem GesünderNet-Team