32 Jahre im Beruf – das sind nicht nur unzählige Behandlungen, sondern auch ein tiefgreifender Wandel einer ganzen Disziplin. Wenn Dr. Detlef Schulz, vielen als „Dr. Det“ bekannt, auf mehr als drei Jahrzehnte Zahnmedizin zurückblickt, spricht er nicht nur über Fortschritt, sondern auch über Reibung: zwischen System und Anspruch, Effizienz und Empathie, Grundversorgung und echter Qualität. Anlässlich seines 32. Praxisjubiläums nutzt Schulz das Bild „32 Jahre, 32 Zähne“ als Metapher für Entwicklung, Verantwortung und Entscheidungsspielräume. Im Gespräch wird deutlich: Moderne Zahnmedizin ist heute weit mehr als Technik und Behandlung. Sie ist ein Zusammenspiel aus Aufklärung, Vertrauen und bewusster Wahl. Und sie stellt eine zentrale Frage, die weit über den Zahnarztstuhl hinausgeht: Wie viel Verantwortung wollen – und können – wir für unsere eigene Gesundheit übernehmen?
GesünderNet: Herr Dr. Schulz, „32 Jahre, 32 Zähne“ – das klingt nach einer schönen Klammer. Was steckt für Sie dahinter?
Dr. Detlef Schulz: Es ist ein Bild für eine Entwicklung, die viele unterschätzen. In 32 Jahren hat sich in der Zahnmedizin enorm viel verändert: Materialien, Diagnostik, Hygiene, digitale Workflows, Prävention, Ästhetik, Dokumentationspflichten, Patientenansprüche. Was sich aber nicht im gleichen Maß entwickelt hat, ist die Logik, wie Versorgung organisiert und vergütet wird. Genau daraus entsteht ein Spannungsfeld, das heute praktisch jede Praxis und jeder Patient spürt.
Was meinen Sie mit „Spannungsfeld“?
Moderne Zahnmedizin bewegt sich oft zwischen zwei Polen. Der eine Pol ist Taktung, Effizienz, Durchsatz – also ein System, das stark darauf ausgelegt ist, Versorgung wirtschaftlich abzubilden. Der andere Pol ist der Mensch: der Wunsch nach Zeit, Sicherheit, Orientierung, Wärme, Präzision, Qualität. Beides sind reale Bedürfnisse. Die Frage ist nur: Wie bringen wir das fair zusammen, ohne dass sich jemand übervorteilt fühlt?

Kritiker würden sagen: „Das ist doch Systemkritik.“
Ja – aber ohne Bitterkeit. Systemkritik ist für mich kein Angriff, sondern ein Realitätscheck. Die gesetzliche Versorgung folgt dem Prinzip „ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich“. Das ist als Rahmen nachvollziehbar. Nur: Viele Dinge, die Menschen als qualitativ entscheidend erleben – Zeit, persönliche Begleitung, moderne Technik, hochwertige Materialien, Präventionsintelligenz – tauchen dort nur begrenzt auf. Und wenn man das verschweigt, entsteht Frust auf beiden Seiten: bei Patienten und bei Praxen.
Was bedeutet das für Patienten ganz konkret?
Es bedeutet: Der Patient braucht Orientierung. Er sollte verstehen, was Grundversorgung leistet – und wo ihre Grenzen liegen. Und er sollte wissen, welche Möglichkeiten es darüber hinaus gibt. Nicht als Druck, sondern als Wahlfreiheit. Ich möchte niemanden überreden. Aber ich möchte Menschen in die Lage versetzen, bewusst zu entscheiden.
Viele Menschen fühlen sich bei Zuzahlungen schnell „abgezockt“. Wie gehen Sie damit um?
Indem man den Ton und die Logik sauber hält. Zuzahlung ist kein „Trick“, sondern oft die Konsequenz daraus, dass bestimmte Qualitätsmerkmale oder zeitintensive Vorgehensweisen nicht im Grundsystem abgebildet sind. Ich sage gern: Grundversorgung ist wichtig – aber sie ist nicht automatisch die beste oder nachhaltigste Lösung für jede Situation. Wenn man transparent erklärt, was der Unterschied ist, entsteht nicht das Gefühl von Übervorteilung, sondern von Klarheit.
Wo sehen Sie die größten Missverständnisse?
Ein großes Missverständnis ist: „Zahnmedizin ist Zahnmedizin – das ist doch überall gleich.“ Nein. Zwischen „es funktioniert irgendwie“ und „es ist langfristig stabil, präzise, substanzschonend und gut begleitet“ liegen Welten. Und ein zweites Missverständnis ist: „Mehrleistung heißt Luxus.“ Oft ist es das Gegenteil: Mehrleistung ist Prävention, Haltbarkeit, Risikoreduktion – also etwas, das langfristig sogar Geld, Zeit und Nerven spart.
Wer den eigenen Körper als Wert begreift, trifft andere Entscheidungen. Ist das für Sie der Kern von Selbstverantwortung?
Ja, und zwar ohne moralischen Zeigefinger. Selbstverantwortung heißt nicht: „Wenn du krank bist, bist du schuld.“ Das wäre unfair und falsch. Selbstverantwortung heißt: Ich erkenne meinen Körper als Wert. Und ich treffe bewusste Entscheidungen – so gut ich kann, mit dem Wissen, das ich habe. In der Zahnmedizin ist das besonders greifbar: Prävention, Hygiene, Zahnfleischgesundheit, Entzündungen, Risikofaktoren – vieles ist beeinflussbar, wenn man es versteht.
Sie sprechen oft von „Wärme, Zeit und Herz“. Klingt schön – aber ist das Medizin?
Es ist Teil der Medizin, weil es die Qualität der Umsetzung verändert. Wärme und Zeit bedeuten nicht „Wellness“, sondern: der Patient versteht, was passiert; er wird ernst genommen; er kann Angst abbauen; er kann Entscheidungen treffen; und die Behandlung kann sauberer geplant und besser kontrolliert werden. Übrigens: Wärme, Zeit und Herz tauchen in keiner Gebührenziffer auf – und trotzdem sind sie oft der entscheidende Unterschied.
Was hat sich in 32 Jahren fachlich am stärksten verändert?
Präzision und Möglichkeiten. Wir können heute viel genauer diagnostizieren, digital planen, minimalinvasiver arbeiten, besser dokumentieren, besser prognostizieren. Gleichzeitig ist das System komplexer geworden: mehr Technik, mehr Hygiene, mehr Dokumentation, höhere Personal- und Betriebskosten. Und genau da entsteht der Druck zur Taktung.
Was wünschen Sie sich vom System?
Mehr Realismus. Mehr Aktualität. Mehr Abbildung dessen, was moderne, hochwertige Medizin tatsächlich benötigt: Zeit, Prävention, Qualitätssicherung, Investitionen, Personalbindung. Wenn man Versorgung ernst meint, muss man auch die Rahmenbedingungen ernst nehmen.
Und was wünschen Sie sich von Patienten?
Neugier und Mut zur Klarheit. Nicht alles glauben, nicht alles abwehren, sondern fragen: „Was ist bei mir sinnvoll?“ Und dann in Ruhe entscheiden. Der wichtigste Satz ist: Niemand muss alles machen. Aber niemand sollte im Nebel bleiben.
Wenn Sie das Interview in einem Satz zusammenfassen müssten – welcher wäre das?
Das System sichert Grundversorgung – und moderne Zahnmedizin entsteht dort, wo Menschen bewusst wählen, weil sie ihren Körper als Wert begreifen.
Lesen Sie hier den ersten Teil der Reihe auf den Zahn gefühlt: „Zähne sind ein Geschenk“ – Wie Dr. Detlef Schulz Zahnmedizin neu denkt
Über Dr. Detlef Schulz – Gründer der Praxis Zahnheilkunst in Essen
Dr. med. dent. Detlef Schulz führt in vierter Generation die zahnärztliche Familientradition fort und steht für einen ganzheitlichen, menschlich geprägten Ansatz in der Zahnmedizin. Nach dem Studium in Münster absolvierte er seine Assistenzzeit in einer stark frequentierten Praxis im Münsterland, wo er das zahnärztliche Handwerk von Grund auf lernte. Anschließend war er an der Universität Witten/Herdecke in der Abteilung für Prävention und Parodontologie als Assistenzzahnarzt in Forschung und Lehre tätig.
1994 gründete er seine eigene Praxis in Essen. Mit „Zahnheilkunst“ verfolgt er das Ziel, moderne Zahnmedizin mit Empathie, Zeit und individueller Begleitung zu verbinden – besonders auch für Angstpatient:innen. Dabei versteht er Zahnmedizin nicht nur als Reparatur, sondern als Weg zu echter Mundgesundheit und Lebensqualität.
Neben seiner Praxistätigkeit engagiert sich Dr. Schulz als Autor, Podcastgast, Referent und Coach für Persönlichkeitsentwicklung. Seine Arbeit ist geprägt von Kreativität, Leidenschaft und der Überzeugung, dass gute Zahnmedizin beim Menschen beginnt – nicht nur im Mund.























