Buchtipp: Tiger in High Heels – Interview mit Monika Donner Michael Braunstorfer

Buchtipp: Tiger in High Heels – Interview mit Monika Donner

Monika Donner ist eine Frau, die mit männlichen Geschlechtsmerkmalen auf die Welt kam. Lange Zeit lebte sie der Außenwelt zwei unterschiedliche Rollen vor. Tagsüber arbeitete sie als Offizier, Anton Justl, beim österreichischen Militär, nachts schwärmte sie als Monique Dumont durch die Clubs der Großstädte. In beiden Rollen fühlte sie sich jedoch nie zu Hause. Beide ergaben für sie eine unzureichende Definition ihrer Person. Wohl deshalb bezeichnet sie dieses längst zurückliegende Leben in ihrer Autobiographie „Tiger in High Heels“ als „Zweimal Käfig und zurück“.

bild monika donnerHeute ist Monika Donner Juristin am Verteidigungsministerium in Österreich. Ihrem Wissen als Rechtswissenschaftlerin und ihrem unbändigen Willen in der Gesellschaft im anderen Geschlecht anerkannt zu werden, haben es viele Menschen in gleicher Situation zu verdanken, dass der Zwang zur chirurgischen Geschlechtsanpassung bei der Annahme eines bestimmten Geschlechts in den amtlichen Urkunden und Ausweisen abgeschafft wurde Heute ist Monika auch als Lebensberaterin tätig und hilft Gleichgesinnten dabei, ihren eigenen Weg zur „Selbstwerdung“ zu finden.

Wir sprachen mit der bemerkenswerten Autorin über ihr Leben und ihre Erfahrungen…

GesünderNet: Frau Donner, ticken Frauen anders als Männer?

Monika Donner: Ja und nein. Es gibt nur den konkreten Menschen, der vor mir steht. Ich kenne Frauen, die aggressiver als die meisten Männer sind. Und Männer, die sich mütterlicher verhalten als so manche Frau. Wenn sich zwei Menschen in Ruhe, Achtung und Liebe begegnen, können sie das innere Kind, den geschlechtsneutralen Wesenskern des Gegenübers erkennen. Die oberflächlichen Unterschiede sind dann nicht mehr so wichtig.

Männer und Frauen sind von Natur aus gar nicht so verschieden. Natürlich gibt es biologisch vorgegebene Unterschiede. Die sind aber geringfügig, etwa erbsengroß. Die Erbsen werden von Eltern, Priestern, Politikern, Lehrern und Werbepsychologen zu Heißluftballonen aufgeblasen. Eigentlich gibt es aber gar keine in Frauen und Männer geteilte Welt. Diesen Unfug suggeriert uns „nur“ eine ausbeuterische, vermeintlich soziale Struktur, in der wir brave Konsumsklaven sein sollen, ohne es zu erkennen.

Aus ursprünglich sehr ähnlichen Geschlechtern werden so in fast jeder Gesellschaft zwei Gegenpole geschaffen, die man leicht gegeneinander ausspielen kann, weil sie sich selbst und ihr Gegenüber nicht mehr annehmen und lieben können: Mann und Frau. Mir kommt es so vor, dass sowohl Frauen als auch Männer geliebt und anerkannt werden wollen. Beim aktiven Lieben und Anerkennen tun sie sich jedoch schwer. Kein Wunder, laufen sie doch ständig im kollektiven Hamsterrad irgendeiner Anerkennung hinterher, weil sie ihre weiblichen und männlichen Anteile nicht im Einklang haben. Sie sind von ihrem inneren Kind getrennt, für das die sozialen Geschlechterunterschiede eine Lachnummer sind

GesünderNet: Sie sind eine Frau, wurden aber als Mann geboren. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie sich mit ihrem angeborenen Geschlecht nicht wohlfühlen?

Monika Donner: Ich wurde nicht als Mann, sondern als Kind geboren. Genau darum geht es. Wie ein Mann zu sein hat, aber auch wie eine Frau zu sein hat, habe ich in meiner damals noch sehr kleinen Welt vorgelebt bekommen. Schon im Kindergarten wusste ich, dass ich in dem Affenzirkus nicht sehr lange mitspielen würde. Noch vor dem zehnten Lebensjahr hatte ich die innere Gewissheit, irgendwann einmal als Frau zu leben. Als Frau mit dem Körper, den mir Mutter Natur gab. Wie das gehen sollte, wusste ich damals freilich noch nicht…

GesünderNet: Passiert es, dass Sie als Mann angesprochen werden? Wenn ja, wie reagieren Sie?

Monika Donner: Das passiert eher selten. Am häufigsten in der Sauna. Aber selbst dort spricht man mich meist als Monika bzw. in weiblicher Form an. Das wundert mich selbst, weil ich schon sehr groß und muskulös bin und … eine längere Klitoris habe. Wie ich auf eine Anrede in männlicher Form reagiere, hängt von der Art ab, wie man mir begegnet. Rutscht es jemandem raus, sehe ich kein Problem. Würde mich jemand beleidigen wollen, wüsste ich, wie ich die Situation bereinige.

GesünderNet: Wie kam es, dass Sie dennoch als Offizier gearbeitet haben? In der Armee bestimmen ja männliche Werte den Alltag.

Monika Donner: So genannte männliche Werte, nach denen sich die Frauenwelt archaisch sehnt? Schutz und Beutegut? Als Soldat habe ich mich im Grunde selbst beschützt. Je stärker ich auftrat, desto weniger konnte mir das irre Stadtleben etwas anhaben. Für mich war das Militär so etwas wie ein Kloster, in das ich mich vom Alltagstrubel, seiner Oberflächlichkeit und Ellbogentaktik zurückzog. Das Heer war aber auch nicht gerade paradiesisch …

GesünderNet: Lange haben Sie in zwei Welten gelebt. Tagsüber als Mann, abends und am Wochenende als Frau. Wie haben Sie diese ständige Verwandlung verkraftet?

Monika Donner: Das Hin und Her zwischen der starken männlichen Rolle und der sanften, erotischen Frauenrolle gab lange Zeit mehr Kraft, als es mir nahm. Die Verwandlung zur sexy Diva „Monique Dumont“ war wie ein Kurzurlaub für die Seele, ein innerer emotionaler Ausgleich in einer gespaltenen Außenwelt sozusagen.

GesünderNet: Warum wollten Sie dann irgendwann nicht mehr so weitermachen?

Monika Donner: Weil das Doppelleben dann doch zu anstrengend wurde. Ich fühlte mich in beiden Rollen (Offizier und Diva) uniformiert, ja maskiert, nicht ganz echt. Außerdem wollte ich niemanden mehr belügen, was ich am Wochenende wirklich tat. Abgesehen von meiner Partnerin wusste ja nur das engste Umfeld bescheid. Ausgelöst wurde das Verschmelzen beider Rollen in der Ausbildung zur Lebensberaterin, die ich drei Jahre lang neben meinem Job absolvierte. Da blieb kein Stein mehr auf dem anderen. Alles fügte sich neu zusammen.

GesünderNet: Warum kam es für Sie nicht in Frage, sich mit der Änderung des Geschlechts auch operieren zu lassen?

Monika Donner: Weil ich meinen Körper liebe, wie er ist. Ich wollte mich nicht für eine ziellose, schizophrenisierende Leistungsgesellschaft auf dem Op-Tisch zurechtschneiden lassen. Zudem bin ich „hetero-lesbisch“. Soll ich mir vielleicht einen Kunststoffpenis umschnallen, wo das bei mir auch anders geht? Kommt gar nicht in Frage!

GesünderNet: Sie haben gerichtlich den Operationszwang bei einer Geschlechtsänderung in Österreich abgeschafft. Wie lange haben Sie für diesen Kampf vor Gericht gebraucht?

Monika Donner: Der Kampf vor dem Verfassungsgerichtshof hat mehr als zwei Jahre gedauert. Für ein Menschenleben ganz schön lange, gesamtheitlich gesehen sehr kurz. Hauptsache, diese menschenunwürdige Diskriminierung ist beendet.

GesünderNet: Welche Geschütze mussten Sie auffahren? Wie viel Nerven hat es gekostet?

Monika Donner: Ich habe alle Mittel eingesetzt, die mir zur Verfügung standen. Um in der Sprache des Militärs zu bleiben: Meine Artillerie waren die Schriftsätze und Gutachten vor dem Höchstgericht, die leichten Panzer in der Flanke stellte meine Öffentlichkeitsarbeit in den Medien dar und als schwere Panzer in der Drauflosfahrt fungierte eine Strafanzeige gegen das Innenministerium. Die Fernlenkwaffe war der ebenfalls erfolgreiche Rechtskampf einer Freundin vor dem Verwaltungsgerichtshof. Wir haben uns natürlich abgesprochen...

Auch als Juristin war ich in meiner eigenen Sache völlig auf mich allein gestellt. Es gab kein Vorbild und auch kein Fallnetz. Das kostete manchmal ganz schön Substanz und ging gelegentlich an meine Grenzen.

Die Aktion war aber nötig, weil die menschenverachtende Rechtslage damals einige Menschen bis in den Selbstmord trieb. In anderen, angeblich primitiven Kulturen gibt es bis zu zehn soziale Geschlechter. Da wir bei uns offiziell nur zwei Geschlechter haben, musste der Wechsel erleichtert werden. Das war meine persönliche Motivation, die mir immens viel Kraft gab. Sie lässt sich, etwas überspitzt, so beschreiben: „Weil ich als Mann keine High Heels tragen durfte, zeige ich euch, dass es Frauen mit Penis gibt!“

GesünderNet: Wie haben Sie sich nach Ihrem Sieg vor Gericht belohnt?

Als ich vom gewonnen Prozess erfuhr, habe ich (ausnahmsweise) spontan 3 Piccolo-Flaschen Sekt getrunken. Alleine. Ansonsten war der gewonnene Rechtskampf Belohnung genug für mich.

GesünderNet: Wie viele Frauen und Männer gibt es heute, denen Sie mit ihrem Kampf vor Gericht geholfen haben?

Monika Donner: Eine Zahl zu nennen, wäre nicht seriös. Aber es bedanken sich immer wieder Menschen per Email oder umarmen mich nach Lesungen in Österreich, Schweiz und Deutschland. Nachdem man den Op-Zwang in meiner Heimat aufgehoben hatte, lockerte er sich nämlich in der Schweiz und fiel in Deutschland komplett weg – und zwar unter Hinweis auf meinen Fall in Österreich. Das hat mich ganz besonders gefreut, war Deutschland doch von München bis Hamburg meine „transische Wahlheimat“, wo „Monique Dumont“ mehr Freundinnen hatte als zuhause ...

buchtitelGesünderNet: Sie haben Ihre Erlebnisse in einem Buch verarbeitet. Wollen Sie uns darüber ein wenig erzählen?

Monika Donner: Gerne. Eines gleich vorweg: „Tiger in High Heels“ ist keine klassische Transgenderliteratur. Dieses Buch wurde für uns alle geschrieben. Es kombiniert verschiedene Ansätze und bietet jenen Lesern Hilfe zur Selbsthilfe, die ein selbstbestimmteres, freieres Leben genießen wollen. Wie auch immer das aussehen mag. Durch die Verknüpfung spiritueller und wissenschaftlicher Erkenntnisse wird dargelegt, dass der Sinn unserer Existenz in der bewussten Selbstwerdung, der Entwicklung vom bedürftigen, abhängigen Ego zum freien Selbst liegt. Dies wird den Lesern anhand einer spannenden, extremen Biographie anschaulich und begreifbar gemacht: meiner. Und wie Sie wissen, halte ich mich längst nicht mehr daran, was Frauen und Männer tun "dürfen" …

GesünderNet: Und wie fühlen Sie sich heute?

Monika Donner: Wieder wie ein Kind, nur bewusster und gleichzeitig gelassener.

 

Mehr über Monika und ihrem Buch "Tiger in High Heels" lest Ihr hier: www.monika-donner.at/buecher/tiger-in-high-heels

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Dieser Beitrag stammt von Nils und dem GesünderNet-Team