Über die Sinnlosigkeit von Diäten – Interview mit einem Ernährungsexperten Corinna Dumat/www.pixelio.de

Über die Sinnlosigkeit von Diäten – Interview mit einem Ernährungsexperten

Ernährungsberater Reza Hojati erklärt, wieso Diäten und Kalorien zählen eine sinnlose Angelegenheit darstellen. Mit seiner „Schlankness“-Theorie vertritt er die Meinung, dass unser Bauchgefühl uns eine angemessene und gesunde Ernährung bereits vorgibt. Lernen wir auf unseren Bauch zu hören, können wir auch, nach Hojati, abnehmen.

GesünderNet: Herr Hojati, heutzutage ist es fast überall angekommen, dass Diäten in der wie man sie bisher kennt nicht wirklich effektiv sind. Können Sie uns erklären, warum?

Reza Hojati: Hauptgrund ist der Jo-Jo-Effekt. Im Allgemeinen zielen Diäten darauf ab, dem Körper über einen kurzen Zeitraum weniger Energie zuzufügen als nötig. Für den Moment purzeln dann zwar die Pfunde, der Stoffwechsel gewöhnt sich jedoch an diese ‚Hungersnot‘ und arbeitet dementsprechend nur noch auf Sparflamme. Wenn Diäthaltende dann wieder normal essen, bleibt der Körper zunächst in diesem Notversorgungsmodus und speichert jegliche Energie für schlechte Zeiten.

Mittel- bis langfristig bewirken alle zeitlich begrenzten ‚Schlankheitskuren‘ aufgrund des künstlich erzeugten Energiemangels daher das Gegenteil: Das Gewicht steigt schnell wieder an. Da jeder weiß, dass selbst das Lieblingsgericht nicht jeden Tag schmeckt, halten Abnehmwillige die strengen Vorschriften zumeist nicht lange durch, verfallen in alte Verhaltensmuster und ärgern sich letztendlich nur über den eigenen Misserfolg.

GesünderNet: Neben dem fehlenden Effekt gibt es auch Diäten, die medizinisch anzuzweifeln sind. Wenn wir an die Dukan-Diät oder die Low-Carb-Diät denken. Können Sie uns sagen, welche gesundheitlichen Nachteile möglicherweise aus solchen Diäten erwachsen?

Reza Hojati: Egal, um welche Form es sich handelt: Jede Diät basiert auf bestimmten Regeln. Entweder dürfen nur bestimmte Produkte zu sich genommen oder müssen weggelassen werden. Die Dukan-Diät, die viele Proteine erlaubt, steigert das Risiko für einen Nierenschaden, da diese bei erhöhter Zufuhr auf Hochtouren arbeiten. Wer dann noch zu wenig trinkt oder allgemein vorbelastet ist, erreicht schnell einen gesundheitsgefährdenden Status. Die Low-Carb-Diät, die wenige Kohlenhydrate fordert, birgt die Gefahr einer Mangelernährung, da Betroffene auf viele Lebensmittel verzichten, die der Körper jeden Tag benötigt.

GesünderNet: Sie sagen, dass es anstelle von Diäten wichtiger ist, auf sein Bauchgefühl zu hören. Was meinen Sie damit?

Reza Hojati: Da jede Diät strenge Ernährungsregeln mit sich bringt, verbinden Abnehmwillige das Essen immer mit einem schlechten Gewissen. „Habe ich zu viel gegessen?“, „Oh nein, das darf ich gar nicht essen!“, „Heute würde ich viel lieber ein Stück Fleisch essen anstelle von Salat!“ All diese Gedanken spielen während oder nach der Mahlzeit eine große Rolle. Auf diese Weise verlernen übergewichtige Menschen, dem eigenen Körpergefühl zu vertrauen.

Welche Produkte schlecht oder gut für den eigenen Körper sind, weiß der eigene Bauch eigentlich am besten. Oftmals verwechseln Betroffene Hunger mit Durst. Essen, sobald der Magen rumort, obwohl dies auch ein Zeichen für Flüssigkeitsmangel sein kann. Diäten sind daher nur in einem erfolgreich: Sie nehmen uns das Vertrauen in den eigenen Körper.

GesünderNet: Woher soll unser Bauch wissen, was für unseren Körper gut ist? Lust auf Schokolade oder Chips hat man doch immer.

Reza Hojati: Unser Körper weiß die Nahrung besser zu bewerten als unser rationaler Verstand und „externe“ Ernährungsberater. Er weiß bestens Bescheid, was gut für ihn ist und was er lieber sein lassen soll, und darauf sollten wir uns verlassen. Er reguliert sich selbst.

Wir können hier zwischen zwei Gehirnen unterscheiden, unserem Kopfhirn und unserem Bauchhirn. Das Bauchhirn in der Darmwand wurde evolutionär weit vor dem Kopfhirn angelegt, um durch instinktive Hungergefühle die Nährstoffversorgung und damit das Überleben zu sichern. Unser Darm denkt, fühlt und handelt eigenständig und völlig unabhängig. Der Darm muss weder von unserem Bewusstsein noch von unserem rationalen Verstand Befehle erhalten. Bei einer Nahrungsaufnahme zerlegt unser Verdauungssystem die Nahrung in ihre Bestandteile. Der Darm analysiert dabei die einzelnen Inhaltsstoffe und speichert alle Informationen in seinem eigenen Gedächtnis ab.

Diese Qualitätskontrolle und Klassifizierung der Nahrung in ‚sehr gut‘, ‚gut‘ oder ‚schlecht, gefährlich‘ wird an unser Gehirn gesendet, das die Bauchinformationen ebenfalls speichert. Aus dieser Vielzahl von Erinnerungen fordert unser Körper mittels der dazugehörigen gespeicherten Geschmacksempfindungen die benötigten Nährstoffe mit entsprechender biologischer Wirkung. Dabei nehmen wir unser Hungergefühl wahr und fühlen ein angenehmes Gefühl: Lust auf Essen. Sie kennen sicherlich auch schon das Gefühl: „Da habe ich jetzt richtig Lust drauf.“ Und nachdem wir die vom Körper geforderten Nahrungsmittel gegessen haben, fühlen wir uns satt, zufrieden und rundherum wohl.

Da brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen, dass irgendwann bestimmte Nahrungsmittel nicht mehr gut für Sie und Ihren Körper sind. Da das Bauchhirn mit unserem Kopfhirn in ständigem Informationsaustausch steht, wird unser Körper das Kopfhirn mit frischen Erinnerungen versorgen. Verbote können folgenden allzu menschlichen Effekt auslösen: Statt das böse Essen zu meiden, passiert gerne genau das Gegenteil – wir kaufen gerade die verbotenen Produkte.

Dieses Verhalten erklärt die psychologische Reaktanztherapie: Wird ein Mensch in seiner Freiheit eingeschränkt, selbstbestimmt zu handeln, versucht er, diese Freiheit wiederherzustellen, indem er genau entgegen der Regel handelt. Das Verbot löst dann sozusagen eine Trotzreaktion aus, weil Ihr Unbewusstes sich nicht maßregeln lassen möchte. Hinzu kommt, dass der Reiz des Verbotenen die Neugierde unserer Spezies geradezu weckt. Verbieten Sie sich selbst bestimmte Nahrungsmittel, stören Sie das natürliche Gleichgewicht in der Beziehung zu diesen Speisen. Wenn Sie damit beginnen, sich bestimmten Gelüsten hinzugeben und Ihrer Intuition in Bezug auf das Essen zu vertrauen, werden Sie feststellen, dass sich auch Ihr Geschmack verändert. Die Befürchtung, dass Sie nur noch Kuchen, Schokolade oder Hamburger essen, ist unbegründet. Wissenschaftliche Studien und meine eigenen Erfahrungen haben gezeigt: Wenn Sie das essen, was Sie wollen, haben Sie zum Schluss eine ziemlich ausgewogene Ernährung.

GesünderNet: Sie haben dafür das Schlankness-Konzept entwickelt. Worum handelt es sich hierbei?

Reza Hojati: Schlankness geht genau auf die eben beschriebenen Probleme von übergewichtigen Menschen ein. Falsche Verhaltensmuster führten bisher zum Übergewicht: Essen aus emotionalen Gründen, die Programmierung auf dick sein sowie die Art und Weise, wie man isst. In Abgrenzung zu Diäten beschreibt Schlankness daher ein Konzept, das Abnehmen ohne Hungern ermöglicht. Menschen, die bereits mehrere erfolglose Diäten hinter sich haben, lernen in den Tagesseminaren, wieder auf den eigenen Bauch zu hören.

Das bedeutet zu essen, wenn sie hungrig sind und aufzuhören, wenn sie satt sind. Ich arbeite mit Entspannungstechniken und Mentalübungen, um das Unterbewusstsein von dem Gedanken zu lösen, essen sei etwas Negatives. Sobald die Teilnehmer sich bewusst werden, dass Nahrungsaufnahme unabdinglich zum täglichen Leben dazugehört, stellen sie fest, mit welchen Einschränkungen sie bisher lebten. Schlankness erlaubt ihnen, alles zu essen, worauf der Körper Lust hat, und vor allem zu erkennen, was der Körper benötigt. Durch bewussteres Essverhalten und Kauen stellt sich schon während der Mahlzeit ein Sättigungsgefühl ein. Im Gegensatz zu Schlankheitskuren reduziert sich das Gewicht mithilfe von Schlankness langfristig und beeinflusst nicht den Stoffwechsel.

GesünderNet: Wie Sie es schon ansprechen, ist neben dem bewussten Essen auch das bewusste Kauen ein Faktor. Aber wie soll mir das bei meinem Übergewicht konkret helfen?

Reza Hojati: Wenn ich jeden Bissen bewusst und länger kaue, genieße ich jeden einzelnen Bestandteil der Mahlzeit. Bereits beim Kauen beginnt der Verdauungsvorgang: Während im Mund Zerkleinerungsprozesse stattfinden, steigt der Blutzucker- und Insulinspiegel im Körper, da die Bauchspeicheldrüse zur Produktion angeregt wird. Da beide Stoffe maßgeblich für das Signal eines Sättigungsgefühls zuständig sind, fühlt man sich viel eher satt als beim Herunterschlingen einer Mahlzeit. Zudem werden Organe wie Magen und Nieren entlastet.

GesünderNet: Sie behaupten auch, dass Kalorien zählen, so wie es z. B. die Weightwatchers machen, auf die Dauer nicht hilft. Können Sie uns erklären, warum nicht?

Reza Hojati: Auch hier gilt: Strikte Regeln täuschen unserem Körper nur über einen gewissen Zeitraum eine Hungersnot vor, auf die er sich relativ schnell einstellt. Da der Zugriff auf Nahrung jedoch zu jedem Zeitpunkt möglich bleibt, reagiert unser Körper irgendwann mit Heißhungerattacken, um sich verlorene Energie wiederzuholen. Dies ist ein automatischer Selbstschutz, der uns vor dem Verhungern bewahrt. Kalorien zählen ist demnach nur eine weitere kurzfristige Lösung für Übergewichtige. Darüber hinaus beschäftigen sich Übergewichtige zunehmend mit dem Nichtessen und die Gedanken kreisen ständig um das Essen. Kalorien oder Punkte zählen wird zu einer Herausforderung und nimmt das ganze Leben ein. Und genau das frustriert die Menschen.

GesünderNet: Können Sie unseren Lesern 3 Tipps geben, um effektiv abzunehmen?

Reza Hojati: Ein ganz wichtiger Hinweis, den ich Ihnen geben möchte, ist, dass die Signale für Hunger und Durst identisch sind. Daher empfehle ich: 1. Trinken Sie, sobald der Magen rumort, ein Glas Wasser und warten Sie ab, ob das angebliche Hungergefühl verschwindet. 2. Genießen Sie jeden Bissen und kauen Sie mehrere Male. 3. Denken Sie langfristig und freuen Sie sich auch über kleine Erfolge auf der Waage.

 

Unser Experte: Reza Hojati - Das Hojati Institut, Kiel

reza hojati

Ernährungscoach, Mentaltrainer und medizinischer
Hypnosetherapeut, Entwickler des Schlankness-Konzepts


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Dieser Beitrag stammt von Nils und dem GesünderNet-Team