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Gesundes Essen - Man kann auch übertreiben

Prof. Dr. med. Curt Diehm beschreibt in seinem heutigen Gastbeitrag, warum der Fokus auf eine gesunde Ernährung wichtig, aber in bestimmten Fällen nicht uneingeschränkt richtig ist. Zudem gibt er seine Einschätzung zu Nahrungsergänzungsmitten.
Ich erlebe es immer häufiger, dass Menschen zwanghaft versuchen, sich gesund zu ernähren – und sich aus medizinischer Sicht dabei auch selbst schaden. Zu dieser Beobachtung ist sogar ein neuer Krankheitsbegriff geschaffen worden: Die „Orthorexia nervosa“. Ich nenne diesen Typ auch „besessenen Gesundesser“.

Wer darunter leidet, hat krankhafte Angst vor zu fetten Pommes frites, rümpft die Nase über Coca Cola und ekelt sich vor Ketchup. Zugegeben: Vieles, was die Deutschen zu sich nehmen, ist nicht gesund. Aber, zu viel des Guten kann auch schädlich sein! Dies gilt beispielsweise für Nahrungsergänzungsmittel. Jeder dritte Deutsche dopt sich bereits mit künstlichen Vitaminen und Mineralstoffen. Der Nutzen dieser Mittel hält sich in sehr engen Grenzen. So hat beispielsweise eine Studie in Baltimore, USA, gezeigt, dass Vitamin E in zu hohen Mengen das Risiko an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben, um 10 Prozent steigert. Bei zu viel künstlichem Vitamin C, etwa einer Dosis von 500 mg am Tag, kann es zu Nierensteinen, Durchfall, Osteoporose und Gicht kommen. Das überdosierte Beta-Carotin kann bei Rauchern und ehemaligen Rauchern zu Lungenkrebs führen.

Auch Rohkost kann die Gesundheit schädigen. Eine Studie der Universität Gießen hat gezeigt: Wer sich überwiegend und auf Dauer von Rohkost ernährt, schwächt sein Immunsystem. Er leidet unter Gewichtsverlust und Eisenmangel. „Health Food Junkies“ können sich also mit Rohkost auch schädigen. Manches Gemüse ist ungekocht nicht nur ungenießbar, sondern auch giftig. Dazu gehören beispielsweise grüne Bohnen. Karotten beispielsweise sind gekocht deutlich besser verdaulich. Gekocht kann der Körper Karotin viel besser aufnehmen. Ähnliches gilt für die Tomaten. Die Stiftung Warentest fand in Tomatenkonserven doppelt so viel Lykopin wie in frischen Tomaten. Das Gleiche gilt auch für das gerne geschmähte Ketchup.

Selbsternannte Gesundheitsgurus predigen auch, so viel wie möglich an Flüssigkeit, am besten nur Wasser zu trinken. Ernstzunehmende amerikanische Ernährungsspezialisten hingegen sind der Auffassung, dass zu große Flüssigkeitsmengen den Organismus unnötig belasten. Extremsportler oder Marathonteilnehmer, die beim Laufen Unmengen von reinem Wasser trinken, können daran sogar sterben. Denn sie spülen beim Schwitzen zu viele Salze aus dem Körper. Erste Anzeichen sind Benommenheit und Bewusstseinsstörungen. Todesfälle sind wiederholt beschrieben worden.

Was für den besessenen Gesundesser gilt, gilt auch für körperliche Aktivität. Zu viel Ausdauertraining kann das Immunsystem schwächen, die Betroffenen fühlen sich matt und müde, der Körper ist längerfristig übersäuert. Insgesamt lernen wir daraus: Weniger ist manchmal mehr.

Ein Zugang mit Augenmaß hilft auch beim Thema Essen. Schon der Volksmund sagt: Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. So gehört es auch zu den goldenen Essensregeln, das zu konsumieren, was einem gut schmeckt und auch nur so viel zu essen, wie es der Hunger vorgibt. Essen Sie sich genussvoll satt – vertrauen Sie auf Ihre Körpergefühle, Hunger und Lust.

Der Autor

Prof. Dr. med. Curt Diehm zählt zu den führenden Medizinern im Südwesten Deutschlands, er ist Autor zahlreicher Fach- und Patientenbücher und langjähriger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gefäßmedizin. Seit Mitte 2014 leitet er als Ärztlicher Direktor die renommierte Max Grundig Klinik in Bühl. Alle Beiträge dieser Serie zum Nachlesen unter www.max-grundig-klinik.de.






Hier finden Sie alle Beiträge der Serie Gesund mit Diehm


Dieser Beitrag stammt von Nils und dem GesünderNet-Team

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