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Sexsucht – „Nähe ist mir nicht wichtig“

Sexsucht gehört nach wie vor zu den psychologischen Störungen, die in der Gesellschaft unterschätzt oder erst gar nicht als Krankheit angesehen werden. Dabei ist Sexsucht seit einigen Jahren eine anerkannte Störung, die für die Patienten durchaus so zerstörerisch sein kann, wie andere Abhängigkeiten. Wir verschaffen Euch einen kleinen Überblick.

Sexsucht und Hypersexualität – Im Prozess der Begriffsfindung

Sexsucht wird im allgemeinen Sprachgebrauch als Synonym für Hypersexualität, und umgekehrt, genutzt und stellt ein übersteigertes sexuelles Verlangen dar. Über den Begriff Hypersexualität wird in der Forschung immer noch gestritten. Es wird der Vorwurf laut, dass man die Grenze zwischen normalem sexuellen Verlangen und krankhaftem Verhalten nicht über die Quantität definieren kann. Vielmehr sei nach dem Leidensdruck zu fragen und in wieweit die alltägliche Lebensführung gehindert ist.

In den USA wird der Begriff Sexsucht vorwiegend genutzt, weil man sie einer nichtstofflichen Sucht zuordnet, bei der der Betroffene ein unkontrolliertes Verhalten an den Tag legt und suchtähnliche Verhaltensformen aufzeigt, um seine Machtlosigkeit, seinen Schmerz oder ein Ausgenutzt-Werden zu kompensieren. Hierzulande wird z.T. der Begriff Hypersexualität eher verwendet, weil man bei der Krankheit anders als bei beispielsweise Alkoholsucht keine Entzugserscheinungen aufzeigt. Sie solle vielmehr einem Zwangsverhalten oder einer Impulskontrollstörung ähneln.

Einig ist man sich jedoch, was die Konsequenzen einer Sexsucht oder Hypersexualität anbetrifft: Das Verlangen zeige sich in einem ungezügelten Genuss von sexuellen Kontaktmitteln wie Pornografie, Prostitution oder Selbstbefriedigung. Der Sexsüchtige strebt u.a. mehrere Orgasmen täglich an, ohne tatsächlich Befriedigung zu erlangen. Typischerweise geraten dabei soziale Beziehungen, tägliche Pflichten und sogar die eigene Gesundheit ins Hintertreffen.

Eine Krankheit in Verruf – Die Macho-Epidemie

In den letzten Jahren bekannten sich immer mehr Schauspieler wie Jack Nicholson oder Michael Douglas zu ihrer Sexsucht. Noch bekanntere Fälle stellen unter anderem die Affären vom Meteorologen Jörg Kachelmann und Super-Golfstar Tiger Woods dar. Während der Wettermann wegen sechs gleichzeitigen Sexbeziehungen und einem Vergewaltigungsverdacht in den Medien strauchelte, musste der Golfprofi vor seiner wutentbrannte Ehefrau flüchten, die seinen Sexeskapaden auf die Schliche gekommen war. Schnell gewann die Sexsucht aufgrund solcher Schlagzeilen mehr und mehr den Anschein einer  belächelten „Macho-Krankheit“ – eine Ausrede für untreue Männer.

Eine echte psychische Störung

In der Krankheiten-Klassifizierungsliste der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit dem Namen ICD-10 wurde die Hypersexualität bis vor kurzem noch unter verschiedenen Diagnoseschlüsseln kategorisiert werden. Dort finden sich Störungen wie Nymphomanie, Satyriasis (männliche Form der Nymphomanie), Impulskontrollstörungen oder sonstige sexuelle Dysfunktionen.  Heute ist Hypersexualität eine anerkannte psychische Störung und wird dementsprechend auch ICD 10 als eigene Kategorie geführt.

Von der Sexsucht betroffen sind mit einem Anteil von etwa 80 Prozent vor allem Männer. Die Suchtqualität der Krankheit spiegelt sich unter anderem in der Funktion, die Sex für den Betroffenen hat. Er wird eingesetzt, um sich zu belohnen, schlechte Laune zu vertreiben oder Misserfolge zu kompensieren. Andere Handlungsmöglichkeiten werden erst gar nicht in Erwägung gezogen. Dabei spielt die Intimität und die Nähe zu anderen Menschen eine untergeordnete Rolle. Sex wird als etwas Unpersönliches betrachtet und dient als Universalmittel der Bedürfnisbefriedigung.

Ursachen der Sexsucht

Wie man sexsüchtig werden kann, hat unterschiedliche Ursachen. Der Prozess stellt sich aber schleichend ein, in dem der Betroffene bestimmte Verhaltensmuster erlernt. Sex wird zunehmend wichtiger und verdrängt nach und nach alle anderen Interessen. Die permanente Verfügbarkeit von Kontaktmedien im Internet, wie Webseiten mit pornografischen Inhalten, kann einen verstärkenden Faktor darstellen.

Neben psychologischen Krisen, wie z.B. zwanghafter Selbstdarstellung, großer Leistungsdruck und Versagensangst, können auch biopsychologische Faktoren eine Rolle für die Sexsucht spielen. Dabei handelt es sich um neuronale, hormonelle oder biochemische Vorgänge die das Verhalten beeinflussen können.

Die Therapie von Sexsucht

Die Sexsucht geht oftmals mit anderen Suchtformen Hand in Hand. So erscheint sie beispielsweise in Kombination mit Alkohol- oder Drogensucht. In der Therapie ist es daher oftmals von immanenter Bedeutung in welcher Reihenfolge die verschiedenen Suchtformen therapiert werden. In der Regel werden stoffliche Abhängigkeiten zuerst behandelt. Die Alkoholsucht würde demnach vor der Sexsucht behandelt werden. Begründet wird dies mit der bisherigen klinischen Erfahrung: Viele Abhängige intensivieren nach Abschluss einer Alkoholentwöhnungstherapie das sexsüchtige Verhalten.
 
Bei einer selbstdestruktiven Sexsucht spricht der Schutz der Patienten für eine vollstationäre Behandlung. Ansonsten ist auch eine teilstationäre oder gar ambulante Behandlung durchaus möglich. Der Betroffene wird entweder einzeln oder in der Gruppe therapiert.

Eine Behandlung der Sexsucht beinhaltet zum einen die vollständige Abstinenz von sexuellen Handlungen für eine vorgegebene Zeitspanne (90 Tage).  Hier soll der Behandelte sich mit unterdrückten Gefühlen auseinandersetzen und sich mit dem eigentlichen Schmerz beschäftigen. In therapeutischen Gesprächen werden diese Gedanken ausgetauscht und gemeinsam besprochen. Wichtig ist es für den Patienten in Erfahrung zu bringen, welche Tatsache im Leben der Auslöser für seine sexuelle Konfliktbewältigung war und ab wann eine Gewöhnung einsetzte.

Dieser Beitrag stammt von Nils und dem GesünderNet-Team

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