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Wie sich heute Stress messen und besser verstehen lässt

Stress gehört aufgrund seiner scheinbaren Omnipräsenz zu den wichtigsten Gesundheitsrisiken unserer Zeit. Neben dem Risiko für Burnout und Depressionen trägt Stress auch zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen und zahlreichen weiteren chronischen Erkrankungen bei.

Schwierigkeiten bereitete der Forschung die Annahme, dass man Stress lediglich beschreiben und erfragen, aber kaum objektiv messen kann, während andere körperliche Parameter wie der Blutdruck, Entzündungsparameter oder Cholesterin direkt messbar und vergleichbar sind. Die wissenschaftliche Diskussion und Forschung wurden deshalb über Jahrzehnte vor allem von Psychologie und Psychosomatik geprägt.

Derzeit vollzieht sich jedoch ein grundlegender Perspektivwechsel. Auslöser dieser Entwicklung ist die wachsende Erkenntnis, dass chronischer Stress nicht nur ein psychologisches Phänomen ist, sondern messbare biologische Folgen im gesamten Organismus hinterlässt. Einige dieser Erkenntnisse haben eine enge Verbindung zu pathophysiologischen Prozessen der kardiovaskulären, endokrinologischen und immunologischen Forschung. Stress wird somit zunehmend als Störung eines komplexen biologischen Regulationsnetzwerks verstanden – Stressfolgeerkrankungen als Systemerkrankung.

Auch das wissenschaftliche Verständnis von Stress ändert sich. Lange dominierte die Vorstellung, Stress sei vor allem das subjektive Gefühl von Überforderung. Heute rückt die Gesamtbelastung des Organismus in den Vordergrund. Stress wird als Ausdruck einer biologischen Anpassungsleistung des Körpers an äußere und innere Anforderungen verstanden. Der Körper reagiert fortlaufend und reguliert Herz-Kreislauf-Funktionen, Hormonspiegel, Immunaktivität und Stoffwechselprozesse. Wird diese Anpassungsleistung dauerhaft erforderlich, entstehen messbare Belastungen in mehreren Körpersystemen gleichzeitig.

Diese Entwicklung spiegelt sich im Konzept der Allostase und der allostatischen Last wider. Allostase beschreibt die Fähigkeit des Körpers, durch physiologische Anpassungen Stabilität aufrechtzuerhalten. Die allostatische Last bezeichnet die biologischen „Kosten“ dieser Anpassung, wenn Belastungen chronisch werden. Statt eines einzelnen Stresswerts tritt damit ein neues Verständnis von Stress als multidimensionales Belastungsprofil. Neben dem Cortisol-Profil gehört zu diesen Parametern die Körperkomposition, die Herzfrequenzregulation, der Blutdruck, Entzündungs- und Stoffwechselparameter sowie die Schlafqualität. Methoden wie das Bio-Feedback nutzen darüber hinaus vegetative Daten (u.a. Muskelspannung, Atemmuster, Schweißsekretion und Herzfrequenz) um die unmittelbare Körperreaktion auf Stressbelastung zu visualisieren und messbar zu machen.  Moderne relevante Parameter, um diese Dimensionen zu messen, sind beispielsweise hsCRP, HOMA-IR, HbA1c sowie die Cholesterinwerte HDL und non-HDL.

Digitale Gesundheitsdaten bringen zusätzliche Dynamik in das Feld, erfordern jedoch eine differenzierte Betrachtung. Smartwatches, Fitnessarmbänder und intelligente Ringe erfassen heute kontinuierlich Herzfrequenz, HRV, Schlafmuster, Hauttemperatur oder Aktivitätsdaten. Häufig geben sie Stress-Indizes an. Wissenschaftlich findet sich dabei eine überraschende Erkenntnis: Die Indices der Wearables stimmen nicht immer mit dem subjektiven Stressempfinden überein, zeigen aber die physiologische Belastung des Organismus.

Die Messdaten von Wearables sind sicherlich ein Fortschritt, sie zeigen die physiologische Belastung des Körpers. Wichtig ist jedoch das adäquate Verständnis und die richtige Interpretation der Daten. Die messbaren Parameter gehen auf die erläuterte allostatische Last ein, während die subjektive Wahrnehmung weiterhin gut mit Fragebögen ermittelt werden kann.

Für die Träger von Wearables ist es wichtig, anhand der gemessenen Parameter den Körper und die Reaktion auf Stress zu verstehen, um darauf aufbauend gezielte individuelle Maßnahmen zum Stressabbau zu ergreifen.

Zur Person

Prof. Dr. Timo Heidt ist Ärztlicher Direktor Max Grundig Klinik