Narbenlos glücklich? - Interview mit Prof.  Dr. Zouboulis über die intraläsionale Kältechirurgie www.istockphoto.com/fotokostic

Narbenlos glücklich? - Interview mit Prof. Dr. Zouboulis über die intraläsionale Kältechirurgie

Keloide sind nicht selten vorkommende Wucherungen, die bei der Wundheilung entstehen und Narben stark vergrößern. In letzter Zeit sind vor allem jüngere Patienten mit Piercings betroffen. Die Narben nehmen dabei unüblich große, unästhetische Formen an und beeinträchtigen durch ihr Erscheinungsbild zum Teil auch stark das Selbstbewusstsein der Patienten. Wir unterhielten uns mit Prof. Dr. Zouboulis über die intraläsionale Kältechirurgie, bei der die Narben stark reduziert werden können.

GesünderNet: Prof. Dr. Zouboulis die Kältechirurgie soll Keloid-Patienten helfen. Zunächst einmal: Was sind Keloide und wie entstehen sie?

Prof. Dr. Zouboulis: Keloide sind gutartige Hauttumore, die nach Verletzungen auftreten können und als Wucherungen erscheinen und - die im Gegensatz zu hypertrophen Narben - auch über den Narbenbereich hinauswachsen können. Die Ursache der Keloidbildung ist nach wie vor nicht eindeutig geklärt, es besteht aber sicher eine genetische Disposition. Keloide treten z.B. bei Menschen mit dunkler Hautfarbe häufiger als bei Hellhäutigen auf. Das Entstehen von Keloiden wird möglicherweise durch die Dauerpräsenz eines Wachstumsproteins stimuliert. Dieses treibt die Keloidzellen (Fibroblasten) zu übermäßiger Produktion von Kollagen. Daher kommen Keloide häufig während der Pubertät vor. Keloide sind am häufigsten anzutreffen im Gesichtsbereich, vor allem an den Ohren, auf Hals, Brust, Schultern und Rücken. Die Verbreitung von Piercings hat mit dazu beigetragen, dass das Auftreten von Keloiden gesteigert wurde. Stellen Sie sich einmal vor: Da wird mit einer sehr feinen Nadel ein kleines Loch ins Ohrläppchen gebohrt und diese kleine Verletzung führt dazu, dass der Ohrbereich der betroffenen Person mit einer manchmal sehr großen Wucherung überzogen wird. Die ästhetische Beeinträchtigung ist allerdings nur ein peripheres Symptom: Hauptsächlich leiden die Patienten unter wiederkehrendem Juckreiz und teilweise starken Schmerzen.

GesünderNet: Wie funktioniert die Kältechirurgie?

Prof. Dr. Zouboulis: Die Anwendung von tiefen Temperaturen auf bzw. in der Haut wirkt erstaunlicherweise - im Gegensatz zu vielen anderen operativen Verfahren – immunregulierend; und zwar hemmt sie selektiv das Wachstum und die Produktion von Kollagen durch die Keloidfibroblasten und normalisiert die Entzündungsreaktion des erkrankten Gewebes. In der Vergangenheit haben wir flache Keloide bereits mit der Kontakt-Kryochirurgie behandelt. Durch den Kontakt mit der Kälte wurde das Keloid in seinem Wachstum behindert, manchmal wurde es sogar zurückgebildet. Große Nachteile der oberflächigen Kontaktbehandlung sind, dass die äußere Hautschicht durch die Kälteeinwirkung vollständig zerstört wird und dass mehrere Behandlungen benötigt werden, um ein zufriedenstellendes therapeutisches Ergebnis zu erreichen. Durch die Zerstörung der oberen Haut stellt sich oft eine Farbaufhellung der Haut – bekannt als Depigmentation – ein. Prof. Har-Shai aus Haifa hat in Kooperation mit meiner Klinik in Dessau eine neue Nadel entwickelt, die in der Lage ist, die Kälte dorthin zu leiten, wo sie ihre optimale Wirkung entfalten kann: in das Zentrum des Keloids. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass in 92 Prozent aller Fälle eine einmalige Behandlung des Keloidzentrums ausreicht, um ein erneutes Nachwachsen zu verhindern, während die äußere Hautschicht nicht in dem Maße betroffen ist wie bei der Kontaktbehandlung. Der Verlust der Hautpigmentierung kann deshalb mit der neuen, intraläsionalen Methode deutlich reduziert werden. Nur 8 Prozent aller Patienten benötigen eine zweite Behandlung.

vorhernachherbild

GesünderNet: Wie lange dauert es denn, bis eine Narbe abgebaut wird?

Prof. Dr. Zouboulis: Nach der Behandlung rötet sich das Keloid und beginnt zu nässen, weil eine Blase entsteht. Diese Phase dauert in etwa eine Woche. Bereits nach dieser Woche reduzieren sich die Schmerzen und der Juckreiz auf ein Minimum. Danach trocknet das Keloid aus und beginnt zu schrumpfen. Die äußere Hautschicht löst sich ab. Nach ca. 6 Monaten ist die Wirkung der Therapie vollständig und das Keloid in der Regel stark geschrumpft. Die Haut hat wieder ihren ursprünglichen Zustand und ihre normale Farbe bekommen. In Langzeitbeobachtungen stellten wir fest, dass sich das Keloid noch bis 12 Monate nach dem Eingriff positiv in seinem Aussehen verändert.

GesünderNet: Wie sieht die Erfolgsrate aus, und um wie viel Prozent lässt sich die Narbenmasse reduzieren?

Prof. Dr. Zouboulis: Die Erfolgsrate bei kleineren und mittleren Keloiden ist nahe bei 97 Prozent. Bei Patienten mit Riesenkeloiden kann das Keloidvolumen zunächst deutlich reduziert werden, wobei man mehr als eine Behandlungen benötigt, um einen Zustand zu erreichen, der die Patienten zufrieden stellt. Zu kleine Keloide unter 1 cm Größe können besser mit Kontakt-Kryotherapie behandelt werden, weil die Nadel eine bestimmte Größe für den Eintritt benötigt. Das Volumen eines Keloids reduziert sich abhängig von der Region durchschnittlich um 67 Prozent an den Ohren, am Rücken um 60 Prozent und im Brustbereich um 50 Prozent.

GesünderNet: Ist die Behandlung mit Schmerzen während oder nach dem Eingriff verbunden?

Prof. Dr. Zouboulis: Der Eingriff wird in der Regel unter lokaler Betäubung durchgeführt und ist deshalb an sich nicht schmerzhaft. Schmerzen können allerdings nach der Behandlung auftreten, wobei der behandelte Patient nach der Behandlung Schmerzmittel erhält, die in der Lage sind, die Operationsschmerzen erträglich zu halten. Nach einer Woche ist alles soweit vorbei, dass nicht nur die durch den Eingriff entstandenen Schmerzen, sondern auch die dem Keloid eigenen Schmerzen deutlich reduziert sind, sodass gegenüber dem präoperativen Zustand bereits eine die Lebensqualität steigernde Verbesserung eintritt.

GesünderNet: Wem würden Sie zu einer solchen Behandlung raten?

Prof. Dr. Zouboulis: Im Prinzip können sich 99 Prozent aller Keloidpatienten angesprochen fühlen. Es gibt einige wenige Gegenanzeigen, die aber einer genauen Anamnese bedürfen und einem persönlichen ärztlichen Beratungsgespräch und speziellen Voruntersuchungen vorbehalten bleiben sollten.

GesünderNet: Übernimmt die Krankenkasse die Behandlungskosten? Was würde die Behandlung an einer mittelgroßen Narbe von 2-5 Zentimeter Durchmesser kosten ?

Prof. Dr. Zouboulis: Leider übernehmen zur Zeit nur private Kassen die Behandlungskosten. Bis die gesetzlichen Kassen einer Kostenübernahme zustimmen, wird sicher noch eine längere Zeit vergehen. Ihre Leser sollten also davon ausgehen, dass sie die Behandlungskosten in der Regel selbst übernehmen müssen. Je nach Größe des Keloids liegen diese zwischen 500 und 800 Euro pro Behandlung.

GesünderNet: Gibt es irgendwelche gesundheitlichen Risiken?

Prof. Dr. Zouboulis: Die Kryochirurgie gilt in der Medizin als ein „ökologisches“ Verfahren. Es werden keine Medikamente eingebracht und man verzichtet auf Bestrahlungen. Die Risiken sind so zu beschreiben, dass im schlimmsten Fall der alte Zustand erhalten bleibt. Gesteigertes Wachstum nach einer Behandlung wurde bislang nicht beobachtet. Auch das Risiko einer Wundeninfektion kann man durch physikalische Maßnahmen erheblich reduzieren.

 

Unser Experte: Prof. Dr. C. Zouboulis, Städtisches Klinikum Dessau

prof zouboulis 

 Facharzt für Dermatologie und Venerologie, Allergologie, Andrologie, Proktologie

Dieser Beitrag stammt von Nils und dem GesünderNet-Team