Zurück ins Leben mit Endoprothesen? - Interview mit Dr. Thorsten Schache

Zurück ins Leben mit Endoprothesen? - Interview mit Dr. Thorsten Schache

Gelenke ermöglichen uns jeden Tag ungehindertes Bewegen. Doch sie können auch verschleißen, erkranken oder aufgrund eines Unfalls verletzt werden. Manchmal ist eine Prothese, der einzige Ausweg unsere Bewegungsfreiheit und Mobilität zu retten. Wir unterhielten uns mit Dr. Thorsten Schache, einem Spezialisten für Endoprothesen, darüber, wie sie eingesetzt werden, welche Chance sie dem Patienten ermöglichen und welche Risiken mit dem operativen Einsatz künstlicher Gelenke verbunden sind.

GesünderNet: Früher konnte man es sich kaum vorstellen, mit Prothesen Sport zu treiben. Einerseits weil sie die Bewegungen eines gesunden Gelenkes nicht komplett vollführen konnten und andererseits, weil man erkannte, dass der Verschleiß der Prothese enorm sein würde. Wie hat sich das im Verhältnis zu früher geändert und was machen die jetzigen Materialien möglich?

Dr. Thorsten Schache: Vor etwa 15 Jahren bestanden die Prothesen vor allem aus sogenannten Edelstahllegierungen, heute dagegen meist aus dem Edelmetall Titan, einem viel gewebeverträglicheren Material. Diese Prothesenbestandteile werden in der Regel zementfrei, mit Hilfe der sogenannten Pressfit-Methode im Knochen verankert. Auch die Gleitpaarungen (künstliches Gelenk mit der Gelenkspfanne) wurden in den letzten Jahren stetig weiterentwickelt. Sie bestehen heute aus hochwertigen und allergiefreien Materialien wie Keramik oder hochvernetztem Polyäthylen. Damit die Prothese bestmöglich vom Knochen angenommen werden kann, wird die Oberfläche der Prothese zusätzlich mit dem sogenannten Hydroxylapatit beschichtet. Das fördert das Anwachsen des Knochens in die Prothese. Durch diese sehr enge und präzise Anpassung an das körpereigene Gewebe und den Knochen, hält die Prothese mittlerweile viel länger. Auch kann sich der Patient im Vergleich zu früher nach dem Einsatz der Gelenkprothese viel besser sportlich betätigen. Moderate Bewegung ist gut und wichtig, um den Prozess der Knochenintegration des künstlichen Gelenkes anzuregen. Oftmals kann durch Sport und Bewegung sogar eine Inaktivitätsosteoporose vermieden werden. Dass moderat betriebener Sport und Bewegung den Verschleiß der Prothese begünstigen, ist also ein Irrglaube. 

GesünderNet: Man hört oft, dass Menschen mit Endoprothesen nach der Operation schnell wieder mobil sind. Auch Christoph Daum war nach seiner Hüftprothesen-Operation 2006 schnell wieder fit. Wie lange braucht ein Patient, bis er sich von einer Endoprothesen-Operation erholt hat?

Dr. Thorsten Schache: Wir bereiten unsere Patienten vom ersten Tag an auf ein normales Leben vor, damit sie den Alltag allein meistern können. Ein schonendes Bewegungstraining beginnt im Idealfall schon am Tag nach der Operation. Wer die Klinik verlässt, hat gelernt, wie er sein Bein belasten darf, wie er richtig geht und steht und wie er sich im täglichen Leben später auch ohne Gehhilfen zurecht findet. In der Regel folgt eine dreiwöchige Reha. Sie kann in einer Spezialklinik oder ambulant durchgeführt werden. Jüngere Menschen können auch ambulant behandelt werden, bei älteren Menschen rate ich oftmals zu einer stationären Therapie. Bei zementfreien Prothesen darf das operierte Bein in der Regel sofort belastet werden. Nach sechs Wochen und drei Monaten erfolgen die ersten Nachkontrollen, weitere in größeren Abständen. Zu diesem Zeitpunkt stellen mir Patienten oft die Frage, wann und inwieweit sie wieder sportlich aktiv werden können. Grundsätzlich gilt: Je mobiler man vor der Operation war, desto schneller ist man auch danach wieder fit. Sobald die Gewissheit besteht, dass das Implantat stabil verankert und eingeheilt ist, steht sportlicher Betätigung nichts mehr im Wege.

GesünderNet: Welche Chancen eröffnen sich den Patienten Ihrer Meinung nach durch eine Endoprothese?

Dr. Thorsten Schache: Nach jahrelangen Schmerzen und Einschränkungen verspricht ein künstliches Gelenk wieder volle Beweglichkeit. Die größte Chance besteht eindeutig in der gesteigerten Lebensqualität. Der Einsatz einer Endoprothese ist allerdings immer eine Einbahnstraße – deshalb rate ich dazu, zuerst alle konservativen Methoden wie Krankengymnastik, Akupunktur, orale Medikamente oder auch die Behandlung mit Hyaluronsäure auszuschöpfen, bevor man sich zu der Operation entscheidet.

GesünderNet: Welche Komplikationen können nach der OP auftreten?

Dr. Thorsten Schache: Neben den allgemeinen Risiken, wie sie bei allen Operationen auftreten können, gibt es eine geringe Prozentzahl an Patienten, bei denen nach der Operation z.B. eine überschießende Bindegewebsneubildung, die sogenannte Arthrofibrose, entsteht. Arthrofibrose kann vor allem im Bereich der Knieendoprothetik vorkommen. Auch kann es zu einer Verknöcherung um das Gelenk, verbunden mit einer Bewegungseinschränkung, kommen. Knieprothesen sind häufiger betroffen, da hier die Wiederherstellung der Bewegungsabläufe des Kniegelenkes anspruchsvoller ist als bei einem reinen Kugelgelenk wie der Hüftgelenkprothese. Die Erfolgsaussichten der Prothesenimplantation steigen durchaus auch mit der Erfahrung des Operateurs sowie der Erfahrung und der Zusammenarbeit mit seinem Team. Ideal ist es, wenn der Arzt die Vorsorge, die Operation und die Nachsorge aus einer Hand anbieten kann.

GesünderNet: Gab es auch Fälle, in denen Patienten mit den Endoprothesen gar nicht klar gekommen sind? Wenn ja, was kann man dagegen tun?

Dr. Thorsten Schache: Ein Patient, der gar nicht mit der Prothese klar gekommen ist, ist mir zum Glück nicht bekannt. Aber ein nicht funktionelles Gangbild wie Hinken oder aber Belastungsschmerz kommen in einigen Fällen nach der Operation vor. Diese Einschränkungen können durch regelmäßige, moderate sportliche Betätigung verbessert werden oder sogar völlig verschwinden. Sport kann übrigens auch bei Patienten mit Arthrose Positives bewirken: Denn durch sportliche Betätigung wird sehr häufig das Fortschreiten der Krankheit am von Arthrose befallenem Gelenk verlangsamt.

GesünderNet: Muss der Patient für eine Endoprothesen-Operation bestimmte Voraussetzungen mitbringen?

Dr. Thorsten Schache: Man muss ganz klar sagen: Die Endoprothesen-Operation ist eine planbare OP. Wenn also Krankheiten vorliegen wie beispielsweise Diabetes und Bluthochdruck, welche nicht gut medikamentös eingestellt sind, hat der Arzt die Verpflichtung, die Risiken durch intensive Patientengespräche und die Einleitung gewisser Therapien zu minimieren.

GesünderNet: Sind die modernen, hochwertigen Prothesen eigentlich von den Krankenversicherungen abgedeckt?

Dr. Thorsten Schache: Ja, glücklicherweise ist das so. Man muss nichts für die Operation oder die zu verwendeten Materialien drauf zahlen.

GesünderNet: Wie stellen sie sich die zukünftige Generation von Prothesen vor? Wo sehen Sie noch Entwicklungsmöglichkeiten?

Dr. Thorsten Schache: Es gibt viele Studien, die sich unter anderem mit der Gelenkhaltbarkeit befassen. Ich denke, die Forschung wird sich in den nächsten Jahren noch intensiver mit der Verbesserung der Materialien und den Gleitpaarungen beschäftigen, was wiederum eine verlängerte Haltbarkeit begünstigt. Durch eine noch bessere Integration in den Knochen sowie eine noch bessere Wiederherstellung des Gelenkes mit annähernd normaler Funktion entstehen natürlich weniger Abrieb und Lockerungen, und die Patientenzufriedenheit verbunden mit einer verbesserten Lebensqualität bleibt noch länger erhalten.

 

Unser Experte: Dr. Thorsten Schache, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie der Kreiskliniken Darmstadt-Dieburg

dr schache

Quelle für alle Bilder: Kreiskliniken Darmstadt-Dieburg

 

Hier noch ein Film zur Entwicklung und Anpassung von Prothesen:

Dieser Beitrag stammt von Nils und dem GesünderNet-Team

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